Ubuntu oder Linux Mint? Der Streit um den besten Einstieg
Frag in einem Linux-Forum, welche Distribution ein Einsteiger nehmen soll, und du bekommst innerhalb von zehn Minuten zwei Lager: „Ubuntu, das kennt jeder” gegen „Mint, das ist Ubuntu ohne den Ärger”. Beide haben recht - und beide verschweigen etwas. Hier ist der Vergleich, den du eigentlich gesucht hast.
Vorweg das Wichtigste: Linux Mint basiert auf Ubuntu. Unter der Haube sind die beiden näher verwandt als Windows 10 und Windows 11. Dieselben Pakete, dieselben Treiber, dieselbe Hardware-Unterstützung. Der Streit dreht sich fast ausschließlich um das, was obendrauf liegt.
Der Stand im Herbst 2026
- Ubuntu 26.04 LTS ist seit April 2026 da, mit GNOME 50, Linux-Kernel 7.0 und fünf Jahren Sicherheitsupdates - kostenlos, mit Ubuntu Pro sogar bis zu fünfzehn.
- Linux Mint 22.3 stammt vom Januar 2026, bringt Cinnamon 6.6 und sitzt noch auf Ubuntu 24.04. Es wird bis 2029 versorgt. Mint 23 auf Basis von Ubuntu 26.04 ist für Ende 2026 angekündigt.
Das ist der erste echte Unterschied: Ubuntu hat immer die neuere Basis, Mint kommt mit einem halben bis ganzen Jahr Verzug. Für den Alltag spielt das selten eine Rolle. Bei brandneuer Hardware kann es eine spielen.
Streitpunkt 1: Die Oberfläche
Ubuntu setzt auf GNOME - mit einer Leiste am linken Rand, ohne Startmenü im klassischen Sinn, ohne Symbole auf dem Schreibtisch. Fenster minimierst du, indem du sie beiseite wischst, Programme startest du über die Super-Taste und ein paar Buchstaben. Das ist durchdacht und nach zwei Wochen sehr flüssig. In den ersten zwei Tagen fühlt es sich für Windows-Nutzer an, als hätte jemand die Möbel umgestellt.
Mint setzt auf Cinnamon: Leiste unten, Startmenü links, Uhr rechts, Fenster mit den drei gewohnten Knöpfen. Wer von Windows kommt, findet sich ohne Anleitung zurecht. Cinnamon ist bewusst konservativ - und genau das ist sein Verkaufsargument.
Wer gewinnt? Kommt darauf an, was du willst. Wenn du gerade den Umstieg wagst und keine Lust hast, gleichzeitig ein neues Bedienkonzept zu lernen, spricht alles für Mint. Wenn du ohnehin etwas Neues wolltest, ist GNOME die konsequentere Oberfläche.
Streitpunkt 2: Snap
Hier wird es emotional. Canonical, die Firma hinter Ubuntu, verpackt Programme in einem eigenen Format namens Snap. Firefox, Thunderbird, der App-Store - auf Ubuntu kommen sie als Snap, ob du willst oder nicht. Snaps aktualisieren sich selbst, laufen in einer Sandbox und stammen aus genau einem Laden: dem Snap Store von Canonical, dessen Server-Seite nicht quelloffen ist.
Die Kritik: Snaps starten langsamer als klassische Pakete, brauchen mehr Speicherplatz, und ein einzelner Konzern entscheidet, was im Laden liegt. Ubuntu-Fans halten dagegen: Der Nutzer merkt davon im Alltag nichts, und die Sandbox ist ein Sicherheitsgewinn.
Mint hat Snap abgeschaltet. Komplett. Statt dessen liefert es Flatpak mit Anbindung an Flathub, den gemeinschaftlich betriebenen App-Laden, aus dem auch Fedora, das Steam Deck und die meisten anderen Distributionen schöpfen. Firefox kommt bei Mint als normales Paket.
Das ist für viele der eigentliche Grund, Mint zu nehmen. Ob es dich stört, kannst nur du beantworten. Wenn dir egal ist, wie ein Browser installiert wird, ist Snap kein Argument. Wenn du Linux gerade deshalb ausprobierst, weil du keinem Konzern mehr ausgeliefert sein willst, ist es eins.
Streitpunkt 3: Wer steht dahinter
Ubuntu hat Canonical im Rücken - ein Unternehmen mit über tausend Beschäftigten, Verträgen mit Dell, Lenovo und HP und einem Geschäftsmodell im Server- und Cloudbereich. Für dich heißt das: zertifizierte Laptops, professioneller Support, wenn du ihn kaufst, und die Gewissheit, dass Ubuntu in fünf Jahren noch existiert.
Mint ist ein Gemeinschaftsprojekt um Clément Lefebvre, finanziert aus Spenden und Partnerschaften. Kein Konzern, keine Aktionäre - aber auch kein Herstellersupport und keine Zertifizierung. Mint lebt seit 2006 und ist damit älter als die meisten Firmenprodukte; die Sorge, es könnte plötzlich verschwinden, ist unbegründet. Wer es aber im Unternehmen einsetzen will, steht ohne Ansprechpartner da. Deshalb tragen Ubuntu und nicht Mint bei uns das Business-Siegel.
Streitpunkt 4: Die Werkzeuge
Mint bringt eine Handvoll eigener Programme mit, die Ubuntu fehlen - und die im Alltag mehr wiegen, als sie klingen:
- Aktualisierungsverwaltung - zeigt Updates mit einer Einschätzung, wie riskant sie sind, und lässt dich selbst entscheiden
- Timeshift - Systemschnappschüsse, mit denen du eine misslungene Änderung in zwei Minuten rückgängig machst
- Treiberverwaltung - findet den passenden NVIDIA-Treiber per Mausklick
- Warpinator - Dateien zwischen Rechnern im selben Netz tauschen, ohne Cloud
Ubuntu hat für alles davon eine Entsprechung, aber nicht so hübsch verpackt. Dafür bringt Ubuntu Dinge mit, die Mint fehlen: eine vollverschlüsselte Installation mit TPM-Anbindung, die ohne Passwortabfrage beim Start auskommt, und die Möglichkeit, das System per Livepatch ohne Neustart zu patchen.
Streitpunkt 5: Wayland
Ubuntu 26.04 läuft ausschließlich auf Wayland, der modernen Grafikschnittstelle. Das bringt sauberere Skalierung bei mehreren Bildschirmen und ein sichereres System, kann aber bei sehr alten NVIDIA-Karten oder exotischen Werkzeugen zwicken. Mint 22.3 läuft standardmäßig noch auf dem altbewährten X11, Wayland gibt es als Option. Erst Mint 23 wird beides gleichwertig unterstützen - und selbst dann bleibt X11 erhalten.
Für alle mit einer Grafikkarte von vor 2014 ist das ein handfestes Argument für Mint. Für alle anderen ist es keins.
Die Empfehlung
| Du bist … | Nimm … |
|---|---|
| Windows-Umsteiger, willst einfach weiterarbeiten | Linux Mint |
| Neugierig auf ein neues Bedienkonzept | Ubuntu |
| Allergisch gegen Konzernabhängigkeit | Linux Mint |
| Im Unternehmen, brauchst Support und Zertifizierung | Ubuntu |
| Auf brandneuer Hardware unterwegs | Ubuntu (neuere Basis) |
| Auf alter Hardware mit alter NVIDIA-Karte | Linux Mint (X11 bleibt) |
| Unentschlossen | Linux Mint - der Weg zu Ubuntu ist später kürzer als umgekehrt |
Die ehrliche Wahrheit hinter allem Streit: Du kannst mit beiden nichts falsch machen. Wer sich für das eine entscheidet und nach einem halben Jahr das andere probiert, verliert einen Nachmittag - mehr nicht. Die Daten, die Programme, das Wissen, alles nimmst du mit.
Probier beide vom USB-Stick aus, ohne etwas zu installieren. Und wenn du lieber ein paar Fragen beantwortest, statt zwei Sticks zu brennen: Der Linux-Finder nimmt dir die Entscheidung in zehn Fragen ab.